Warning: A non-numeric value encountered in /homepages/9/d32364914/htdocs/tischgebete/wp-content/themes/rttheme17/content_generator.php on line 123

Rituale helfen Kindern

Pädagogische Aspekte des Tischgebets

 

Rituale als Ruhepunkt in der Schnelllebigkeit

„Schnelllebigkeit“ ist ein Trend unserer Zeit. Gleichzeitig rückt die Bedeutung der Kindheit für die menschliche Biographie seit einigen Jahren immer stärker in den Fokus des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Interesses. Wie an pädagogische Fachkräfte steigen unter den neuen Rahmenbedingungen auch die Anforderungen an Eltern als Bezugspersonen in dieser wegweisenden Lebensphase. „Kindheit heute“ – dieses Thema wirft viele Fragen auf, für Eltern, für Pädagogen, für die Gesellschaft.

Mutter und Sohn beim zu Bett gehenRituale in der Familie in Form regelmäßiger Abläufe im Alltag, die je nach Bereich und Alter der Kinder ggf. gemeinsam abgestimmt sein können, können für Kinder bereits in ihren ersten Lebensjahren einen Beitrag leisten zur Wahrnehmung von Ordnung, Orientierung und Sicherheit, zum Gefühl von Vertrautheit, „Aufgehobensein“ und Geborgenheit, zum Gefühl des „sicheren Hafens“. Rituale können aus Traditionen übernommen werden, sie können aber auch selbst erdacht und individuell gestaltet werden. Beispielsweise sind festgelegte Abläufe vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen oder auch Abschieds- und Begrüßungsrituale häufig sehr individuell und damit ganz auf die Bedürfnisse derjenigen, die sie betreffen, ausgerichtet.

 

Das Tischgebet: Ritual und Mittel zur Wertevermittlung

Es gibt viele Formen des ritualisierten individuellen und kollektiven Innehaltens, z.B. den Spruch, das Lied, die Meditation, die gemeinsame Bewegung. Das Gebet ist eine weitere Möglichkeit für Menschen, zur Besinnung zu kommen und sich selbst ein kurzes oder längeres Innehalten zu ermöglichen. Dem Tischgebet kann aus pädagogisch-psychologischer Perspektive im Vergleich zum hochritualisierten gemeinsamen Gebet im Gottesdienst, und auch in Unterscheidung zum stillen Gebet, in dem der einzelne Mensch den direkten Kontakt mit einem höheren Wesen sucht, für Kinder eine besondere Rolle zukommen, weil es in einer kleinen, intimen Gruppe stattfindet, nämlich in der Regel der Familie. Es lässt sich mit anderen Ritualen verbinden, z.B. dem gemeinsamen Wunsch für einen guten Appetit (mit oder ohne Fassen der Hände) und wenn beim gemeinsamen Abendessen alle Familienmitglieder einander von den Geschehnissen und Erlebnissen ihres Tages erzählen. Von diesem Tischgebet handelt die folgende Darstellung.

Bei der Weitergabe, Vermittlung und Aneignung unserer Kultur nutzen wir vielfach Symbole, Regeln, Zeichen der Gemeinsamkeit, Rituale und Riten. Rituale, Riten und lieb gewonnene Gewohnheiten können Menschen bei der Strukturierung ihres TagesErster Schultag – Mutter und Kind, ihrer Woche, aber auch bei der Bewältigung von Anforderungen des Alltags und in Phasen des Übergangs hilfreich sein. Neben zahlreichen anderen Möglichkeiten kann das Tischgebet als wiederkehrendes ordnendes Prinzip für Erwachsene, Jugendliche und Kinder eine stimmige Form des Ritus und Rituals darstellen. Es berührt Kinder besonders, wenn es in Konzentration ausgeführt wird. Wie bei allen Ritualen und Riten ist hierfür gleichwohl eine Atmosphäre der Ungezwungenheit wichtig. Außerdem sollten solche Rituale allen, die daran teilnehmen, Freude bereiten. Das bedeutet: Sie sollten kein starres Korsett bilden und auch ein Abweichen oder eine Variation sollen erlaubt sein. Rituale wie das Tischgebet sollten denjenigen, die sie vollziehen, gut tun, also ihren Bedürfnissen entsprechen. Diese Bedürfnisse können sich ändern, und z.B. nach und nach dem Alter der Kinder angepasst werden.

Erziehung beginnt nach der Geburt mit der Pflege des Kindes und umfasst zahlreiche weitere Bereiche, z.B. die Unterstützung und Begleitung der emotionalen Entwicklung und der Wertevermittlung. Was wir uns manchmal nicht deutlich genug machen: Egal, was Eltern mit ihren Kindern machen, wie sie Erziehung und Begleitung gestalten, sie vermitteln dabei Werte. Werte, sofern sie prosozial orientiert sind, sind essentiell, um einen reifen und sozialen Menschen auszubilden. Über das gemeinsame Tischgebet können Werte, die von Eltern für bedeutsam gehalten werden, an Kinder vermittelt werden. Wichtig ist jedoch, dass Kinder über eine solche formelhafte Ritualisierung hinaus auch viele durch die Eltern vorgelebte Beispielverhaltensweisen beobachten können und dass diese für konkrete Alltagssituationen für Fragen und Urteilsbildung zur Verfügung stehen.

 

 

Positive Wirkungen

Positive Wirkungen lassen sich auf verschiedenen Ebenen denken, z.B. der inhaltlichen, der persönlichen, der sozialen und der kulturellen Ebene.

  • inhaltliche Ebene: Es gibt verschiedene Arten von Tischgebeten, z.B. Dankgebete, Lobpreisungen und Bitten. Die beiden ersten Arten sind sich sehr ähnlich, da bei beiden zunächst eine Anerkennung der Taten eines Anderen erfolgt. Lob und Dank sind dann zwei verschiedene Arten der Wertschätzung dieser Taten. Für Heranwachsende ist es wichtig, eine Wahrnehmung für wertzuschätzende Aspekte im Leben und auch den Ausdruck von Wertschätzung zu lernen. Lob aussprechen lehrt, nicht neidisch auf das Können Anderer zu sein. Denn ehrlich loben heißt zunächst einmal, neidlos anerkennen zu können. Zu danken kann bedeuten, zu erkennen, welchen Aufwand ein Anderer betrieben hat und sich darauf zu besinnen, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Bitten gehen von einer problembelasteten Ausgangsituation aus. Sie sind oft so gerichtet, dass Menschen in Not geholfen werden soll. Dadurch kann bei Kindern ein wacheres Bewusstsein dafür entstehen, Achtsamkeit für Andere, deren Nöte und Bedürfnisse zu entwickeln. Dies kann im Prozess einer sich ohnehin schrittweise entwickelnden Loslösung aus der kindlichen, sehr stark auf das eigene Ich gerichteten Perspektive sowie einer Hinwendung zur Perspektivübernahme unterstützend wirken. Bitten können, wenn sie Gegenstand von Gebeten sind, auch auf die eigene Person gerichtet sein, und zum Tenor haben, dass das Individuum nicht fehlerlos ist, verbunden mit der Bitte um Unterstützung bei der weiteren Entwicklung und bei angestrebtem eigenen Handeln. Sie regen an, sich selbst in seinen Stärken und verbesserungsfähigen Bereichen zu reflektieren. Die Ausbildung einer guten Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung einerseits und die Entwicklung eines sich selbst wertschätzenden, aber auch sich selbstwürdigend-kritischen Bildes der eigenen Person andererseits, verbunden mit dem Wunsch, Veränderungsimpulse ressourcenorientiert und konstruktiv anzunehmen und aufzugreifen, sind hier als mögliche Bereiche positiver Effekte zu nennen.

 

  • persönliche Ebene: Die persönliche Ebene kann sehr eng mit der inhaltlichen Ebene verbunden sein. Die Ausbildung von Wertvorstellungen, individueller Wesenszüge und schließlich der Persönlichkeit werden bei Heranwachsenden stark von dem beeinflusst, was diese von Tag zu Tag selbst erleben und beobachten. Was man häufiger wahrnimmt, also z.B. sieht und hört, erscheint natürlicher und selbstverständlicher. Wir können davon ausgehen, dass sich Kinder unter günstigen Rahmenbedingungen regelmäßig Wiederholtes, das ihnen wichtig, nachvollziehbar, interessant und lohnend erscheint, einprägen, und es auch zu einer Übertragung vom in Worten Verstandenen zu gezeigten Verhaltensweisen kommt. Erfahren Kinder in Tischgebeten also häufiger, dass es gut ist, zu teilen,Fürsorge und erleben zugleich in ihren familiären und anderen sozialen Bezügen eine gelungene Verkörperung, ein „Leben“ dieser Werte, so wird sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie in neuen Situationen von selbst darauf kommen, Eigenes mit Anderen zu teilen. Unter günstigen Bedingungen entsteht so nach und nach eine Erweiterung eines wertebasierten Verhaltensrepertoires. Über die Inhalte (Beispiel: Dinge mit Anderen teilen) können auch die inneren Handlungen, die das Gebet begleiten, z.B. innehalten und sich auf etwas besinnen, positive Effekte nach sich ziehen. Ganz einfach kann das z.B. die Einschätzung der jeweils richtigen Essensmenge für den eigenen Hunger in der jeweiligen Situation betreffen, einhergehend mit einer angemessenen Würdigung und Wertschätzung der Nahrung und deren Zubereitung, weiterführend kann sich hieraus eine gute Verbundenheit mit der eigenen Person und den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen entwickeln.

 

  • soziale Ebene: Kindern wird mit Hilfe von Tischgebeten bewusst gemacht, dass sie sich in einer Gemeinschaft befinden. Wünschenswerte Effekte liegen z.B. darin, dass sie nicht nur auf das Essen fixiert sind, sondern auch die anderen Personen am Tisch wahrnehmen. Family laughing around a good meal in kitchenMit dem Tischgebet wird verhindert, dass sich die Kleinen direkt auf das Essen stürzen. Dabei ist es von Vorteil, wenn Erwachsene mit gutem Beispiel voran gehen (Modelllernen)! Stattdessen wird die Kommunikation zwischen den Teilnehmern der Mahlzeit gefördert. Dies kann auch dem Zusammenhalt innerhalb der Familie dienlich sein, da man einander zuhören und sich gegenseitig Kummer, Sorgen und Probleme anvertrauen, aber auch miteinander lachen und Spaß haben kann. An diesem Beispiel lässt sich illustrieren, welche Bedeutung es für Kinder für ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit haben kann, einen geregelten Tagesablauf und Rhythmus mit sich wiederholenden Ritualen zu haben. Wenn es dann heißt „Essenszeit“, weiß der Nachwuchs: Jetzt kommt erst das Tischgebet, dann essen wir gemeinsam, dann räumen wir gemeinsam ab. Innerhalb bestimmter Kontexte zu wissen, was als nächstes kommt, kann Ängste und Sorgen nehmen.

 

  • kulturelle Ebene: Die eigene Kultur kann verbinden, aber auch trennen. Das Tischgebet ermöglicht die Identifikation mit der eigenen Kultur und Familie. Dies kann identitätsstiftend wirken, und gerade auch in den Lebensphasen Kindheit und Pubertät Orientierung und Sicherheit geben. Gemeinsame Rituale und Riten, die aus der jeweiligen religiösen Tradition abgeleitet sind, können aber auch mit nicht religiösen Menschen verbinden. Gemeinsame Tischrituale in der Jugendarbeit oder öffentliche / weltliche Mahlgemeinschaften verbinden auch Menschen verschiedenen Alters sowie Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft (Inklusion). Für den Zusammenhalt einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft sind gemeinsame prosoziale Werte notwendig. Diese können ihren Ausdruck in gemeinsamen Ritualen und Riten finden. Gerade bei der Mahlgemeinschaft und der Tischkultur könnte eine Besinnung auf die vielfältigen kulturellen Traditionen dem gesellschaftlichen Zusammenhalt gut tun. In Familien kann diese kulturelle Identität und diese kulturübergreifende Achtsamkeit und Solidarität eingeübt, praktiziert und weiterentwickelt werden.

 

Wie anfangs erwähnt, sind ein solches Innehalten und eine Selbstbesinnung auf vielfältige Weise möglich, und verschiedene Zugänge können von gleicher Wirksamkeit für den Menschen sein. Sie können eine spirituelle Komponente haben, müssen es aber nicht. Das Innehalten auf jede dieser Weisen und so auch das Tischgebet kann mehrere Funktionen haben: Befreiung vom Multitasking, Verlangsamung des Geschehens, Verbindung mit anderen Menschen, gemeinsames Handeln, Vorbereitung auf eine neue Tätigkeit, Erhöhung der Achtsamkeit.

 

Janne_fenglerProf. Dr. Dipl.-Päd. Janne Fengler

Institut für Kindheitspädagogik
Fachbereich Bildungswissenschaft
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter bei Bonn

www.jannefengler.de