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Ein voller Magen reicht nicht aus

Interview mit Bruder Bert Meyer

Tischkultur ist aus Sicht des Missionssekretärs der Pallottiner Bruder Bert Meyer ein Luxusproblem.

tischgebete.de: Du bist der Missionssekretär der Pallottiner. Wenn Du unsere Tischgebeteseite im Internet betrachtest, glaubst Du dann, dass wir ein Luxusproblem thematisieren?

Bruder_Bert_MeyerBruder Bert Meyer: Ja und Nein. Ja, weil weltweit vielleicht 2,5 Milliarden Menschen mangel- oder unterernährt sind. Zudem sterben auf der ganzen Welt, nach Schätzungen, bis zu 400 Kinder, und zwar stündlich. Für diese Menschen sind Tischdeko-Ideen und in manchen Fällen vielleicht jede Form westlicher Tischkultur kein Thema. Den Betroffenen würden Eure Anregungen möglicherweise sogar wie Hohn vorkommen. Andererseits „nein“, weil man nicht nur in den klassischen Missionsländern, sondern auch bei uns in Europa, Mangelernährung kennt. Ich finde es klasse, dass hier sowohl für eine ausgewogene Ernährung, wie auch für eine christlicheFamilienkultur neue Akzente gesetzt werden. Das ist kein Widerspruch zu den Zielen der Mission.

 

ischgebete.de: Bei uns in Deutschland gibt es auch Mangelernährung?

Bruder Bert Meyer: Ja, wir nennen das Phänomen in der Missionarbeit „Hidden Hunger“, also „Verstecker Hunger“. Genügend Kalorien und ein voller Magen reichen nicht aus. Die Grundnahrungsmittel Reis, Mais, Maniok und Weizen enthalten kaum lebenswichtige Nährstoffe. Menschen brauchen eine dauerhaft ausgewogene Ernährung, mit lebenswichtigen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Gerade in Armut lebende Kinder und Mütter sind die häufigsten Opfer des Hidden Hunger. Das gilt weltweit, also auch in Deutschland oder Österreich. Ich habe gerade einen Artikel gelesen, dass der Ernährungsmediziner Prof. Biesalski, von der Universität Hohenheim, festgestellt hat, dass der derzeitige Hartz-IV-Satz für die gesunde Ernährung von Kindern nicht ausreicht.

 

tischgebete.de: Hast Du Ideen, was man tun könnte?

Bruder Bert Meyer: Natürlich: Einen höheren Tagessatz für Lebensmittel, verbunden mit mehr Bewusstsein bei den Betroffenen. Kurzfristig, könnten auch Kindergärten, Kindertagesstätten oder Schulen qualitativ hochwertiges Essen unentgeltlich abgeben. Ich denke, wir leben doch in einem reichen Land.

 

 

tischgebete.de:  Zurück zu Deiner Kernkompetenz: Wie schaut es in der Mission aus?

Bruder Bert Meyer:  Armut und chronische Unterernährung hängen weltweit eng zusammen. Hunger ist grausam und wir müssen alles dafür tun, dass immer mehr Menschen aus der Armut heraus kommen. Doch nicht nur der Mangel an Kalorien, auch der Mangel an Vitaminen, Mineralien und Jod führt zu Mangeleerscheinungen, Krankheit und Tod. Wir Menschen brauchen weltweit eine ausgewogene Ernährung.

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tischgebete.de: Woher kommen diese Probleme und wie kommen wir zu einer ausgewogenen Ernährung für alle?

Bruder Bert Meyer: Man müsste die Preissteigerungen bei Lebensmitteln in den Griff bekommen. Vielleicht könnten wir Deutschen und Österreicher uns dafür einsetzen, dass Biokraftstoffe staatlich nicht subventioniert werden, die Spekulationen an den Rohstoffbörsen unterbunden werden und wahrscheinlich würde es helfen, wenn wir in Europa weniger Fleisch essen würden. Andere Ursachen sind das sog. Landgrabbing oder Ertragsausfälle aufgrund des Klimawandels. Nach meiner persönlichen Erfahrung sollte beispielsweise dem Handwerk in Afrika ein höherer Stellenwert zukommen, mit den niedrigen Erlösen, können die Betriebe ihre Familien oft nicht besser ernähren. Hier ist aus meiner Sicht die Politik gefragt. Die Zahl der Hungernden nimmt derzeit nicht – wie von den Politikern bei den sog. Milleniumszielen beschlossen, ab – sondern immer weiter zu. Missionsarbeit und Entwicklungshilfe allein, werden hier nach meiner Einschätzung nicht ausreichen.

 

tischgebete.de: Und was machen die Pallottiner?

Bruder Bert Meyer: Wir verwenden in vielen Kommunitäten und Werken fair gehandelte Produkte und essen pro Woche an mindestens einem Tag vegetarisch. Wir investieren in Bildungseinrichtungen und stärken die Eigeninitiative von Kleinunternehmern und Kleinbauern und erhöhen damit die Chancen auf ein regelmäßiges Einkommen. Das hört sich jetzt nach dem viel zitierten Tropfen auf den heißen Stein an. Aber beispielsweise unsere „Aktion Ziege“ ist schon seit Jahrzehnten ein Selbstläufer. Und auf die neu eröffnete Schule in Kamerun sind wir stolz.

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tischgebete.de: Wie hältst Du persönlich es mit der Tischkultur?

Bruder Bert Meyer: Wir Pallottiner treffen uns täglich gleich nach dem Mittagsläuten zum Gebet. Bei Tisch beten wir meist die allseits bekannten Tischgebete, die Ihr teilweise auch in Eurer Internetseite vorstellt. Manchmal formuliert der Rektor oder ein Mitbruder auch eigene Gedanken. Das kommt aber eher selten vor. Wir bleiben vor unseren Tischen stehen, bis alle Mitbrüder im Raum sind. Dann gedenken wir der verstorbenen Mitbrüder, erinnern uns an das Vorbild des Tages-Heiligen und sprechen unsere Mittagsgebete.

 

tischgebete.de: Kannst Du uns etwas über die Tischkultur in den Missionsgebieten erzählen?

Bruder Bert Meyer: In vielen Ländern gibt es Einflüsse aus Europa. In Afrika wird in den Dörfern traditionell gebetet, in den Städten weniger. Ich denke, in Kamerun spricht oft die Mutter das Gebet. Die Familie versammelt sich abends nach Sonnenuntergang um eine Öllampe. Das ist oft die einzige Lichtquelle im Haus. Beim Essen geht es nicht so förmlich zu wie bei uns. Es wird erzählt, gelacht und vielleicht machen ein paar Kinder auch noch Hausaufgaben.

 

tischgebete.de: Danke für das Interview!

Bruder Bert Meyer: Gerne. Viel Erfolg mit der Aktion.

 

Das Interview für tischgebete.de führte Josef Eberhard. Sein Gesprächspartner Bruder Bert Meyer ist seit mehr als zwanzig Jahren Pallottiner. Er arbeitete unter anderem in Kamerun als Schreiner und Ausbildungsleiter. Heute ist er für die sog. Missionsgebiete der Pallottiner zuständig. Er hält Kontakt zu den Mitbrüdern in Lateinamerika, Asien und Afrika und kennt Ihre Sorgen und Nöte. Außerdem hält er Kontakt zu den Spendern und sog. Wohltätern in Deutschland, Österreich und Südtirol. Da er quasi in „zwei Welten“ lebt, hat er auch die Aufgabe, die Oberen und die Mitbrüder in Deutschland zu informieren und zu beraten. Die Schwerpunkte der Pallottiner lauten: „Bildung statt Armut“, „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Möglichmacher aussenden“. Mehr Infos gibt es unter:  mission.pallottiner.org